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Gründe für das Fotografieren mit Film – warum wird analog fotografiert?


Wer Fotografien anfertigen möchte, muss hierbei keine Handstände mehr absolvieren: Die Bilder stehen, wenn auch nur auf einem Display, sofort zur Verfügung. Wer mit solchen Abbildern beeindrucken möchte, der kann heute mit besseren Digitalkameras im Auto-Modus technisch durchaus gute Fotos anfertigen. Warum schlagen sich dennoch recht viele Fotofreunde mit der längst überholten analogen Fotografie herum?

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Dass es für die Fotografie einen riesigen Markt nebst Messen wie die Photokina gibt, ist sicherlich nur Wenigen unbekannt: Etliche Internetseiten (wie diese) beschäftigen sich mit dem Thema Fotografie, Mobiltelefone ohne integrierte Kameras werden kaum noch hergestellt, für das ordentliche Schreiben mit Licht werden etliche Workshops und sogar Studiengänge angeboten. Das Thema ist omnipräsent. Kein Wunder: Ist es doch nun mittels moderner Technik möglich, dass man lediglich mittels eines einzigen Knopfdrucks etwas Komplexes schaffen kann, mittels welchem man seine Mitmenschen ggf. in Verzückung bringen vermag: Ein – rein technisch betrachtet – patentes Abbild.
Vor einigen Jahren war so etwas nur denjenigen vergönnt, die sich zuvor gründlich mit dem leidigen Thema Technik und der Verbreitung in „analogen“ Medien befassten. Heute sieht dies, dank dem (Mitmach-) Internet 2.0 und dem in günstige Digitalkameras integrierten intelligenten „Autopiloten“, ganz anders aus.
mehrere Kleinbildfilme

Beim Fotografieren mit analogen Kameras kommen mit der Zeit durchaus eine Menge belichteter Filme zusammen.

Trotzdem oder gerade deswegen vielleicht stellt man bisweilen fest, dass wieder vermehrt mit der alten, analogen Fototechnik fotografiert wird, obgleich diese doch eigentlich ökonomisch wie auch funktionell einen Rückschritt darin bedeutet, möglichst einfach und günstig zu aussagekräftigen Fotografien zu gelangen. Zu Bildern also, welche z. B. als Zeugnis für die eigene Produktivität, für Kreativität herhalten können, oder einfach nur zeigen müssen, dass man selbst existiert und Spaß daran hat.
Ich möchte mir daher einmal Gedanken darüber machen, warum dies so ist und warum es demzufolge heute durchaus eine Menge Händler für die analoge Fotografie gibt. Die analoge Fotografie ist nunmehr eine Nische, die jedoch offenbar (wenn auch mit ausgedünntem Angebot) Stabilität bewahrt und offenbar Zuwachs an Interessenten erfährt, was sich auch in der (zumindest angedachten) Neuproduktion analoger Kameras wie dieserdieser oder gar dieser äußert.

Zischen, Rauschen, Riechen, Fühlen: Weil sie Knöpfe haben

*Die 7 Todsünden der Fotografie zeigt dem Leser die Welt von Internet-Communities, Fotoforen und -Katalogen auf und möchte Anreiz zur Selbstreflexion darstellen: »Benötige ich diese Meinungen oder behindern sie mich gar?« Auf Amazon kann man einen Blick in dieses Buch wagen.

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Jüngst wohnte ich als interessierter Zuschauer einem Fernsehinterview mit einem Lokführer bei. Niemand hätte erwartet, dass sich der Eisenbahner hierfür den Ruß aus dem Gesicht wischt. Niemand wäre hierbei auch auf die Idee gekommen, die Ökonomie und Funktionalität von Dampflokomotiven (im Führerhaus einer solchen saß der Mann nämlich) in Frage zu stellen: Derlei Fahrzeuge bilden eine Nische im Personennahtransport und faszinieren nicht wenige Menschen allein durch ihre visuelle Haptik und ihren Sound: Auch ein Blinder kann sich durch Fühlen ein Bild von einer solchen Lokomotive machen, denn hier wirkt etwas, was auch manch Werbeschaffener erkannt haben wird: Geräte sehen heute alle gleich aus – nämlich zumeist flach, abgerundet, klein und schwarz. Ihnen fehlt es an einem markanten Äußeren, ihnen fehlt es an ordentlichen Knöpfen, an einem individuellen Erscheinungsbild und entsprechenden Geräuschen, ja an „Kanten“.

Das Produktdesign ab ca. den 1990er Jahren zielt auf eine Verallgemeinerung ab: Die technischen Geräte sehen, bei Abstand betrachtet, alle gleich aus. Dabei möchten Menschen (mit einem solchen Gerät an der Hand) individuell in Erscheinung treten.

Aus dem Grund des (Wieder-) Erkennungswertes tauchen bisweilen in der Werbung solch seltsame Anachronismen wie ein Wählscheibentelefon auf (statt ein kleiner, schwarzer Kasten) oder eine analoge Kamera aus blankem Metall (statt ein kleiner, schwarzer Kasten) wie vielerorts ein Lederkoffer von Oma mit auffälligen Beschlägen (statt ein glatter, schwarzer Kasten).
Zurück zur Dampflok: Hier kann man drehen und drücken, Hebel bedienen und – jeder weiß es – an einem Gurt ziehen, auf dass für jeden eine charakteristisch tönende Tute hörbar wird. Da quietscht es etwas, dort surrt- und manchmal klappert es sogar. Eine gut gewartete Maschine überzeugt jedoch durch einen satten, ordentlichen Klang und – tatsächlich – durch einen markanten Geruch.

Jeder, der ein mechanisches Gefährt steuern kann, spürt dieses Gerät sozusagen unter sich: Es findet ein Erleben statt. Na also: Hier werden tüchtig Sinne bedient, die ein Fotograf gerne seinem Publikum zusprechen möchte, mit einer Kunststoffkaufhausausrüstung selbst jedoch kaum erfahren wird.

durch eine Mattscheibe blicken

Öffnet man die Rückwand einer analogen bzw. mechanischen Kamera und platziert eine kleine, angeraute Plastikfolie (eine Mattscheibe) an die Stelle, wo normalerweise der Film eingelegt wird, dann erfährt man etwas vom Verhalten von Licht und Optik, nachdem man mit einem Drahtauslöser sanft den mechanischen Verschluss der Kamera geöffnet hat. Bei der Verwendung von Digitalkameras muss man in der Erfahrung nicht selten leer ausgehen.

ein entwickelter S/W-Film

Ein selbst entwickelter S/W-Film hängt im Bad zum Trocknen.

Zu einem gewissen Erlebnisfaktor gesellt sich beim Fotografieren mit einer analogen und mechanischen Kamera also etwas Zweites: Die Erkenntnis, dass man sie zu bedienen wissen muss. Daraufhin merkt man: Nicht jeder kann das (aber Ich). Und: Wenn ich so eine Maschine richtig bedient habe, dann erfahre ich ein entsprechendes Erfolgserlebnis. Auf dieses muss dann jedoch noch gewartet werden – nämlich bis der Film entwickelt wurde. Diesen Punkt kann man mit einer gewissen Vorfreude schön reden. Man kann ihn freilich auch als Nachteil darstellen. Nebenbei: Wenn man seine Filme selbst daheim entwickelt, nachdem man am Abend von der „Fototour“ zurück gekommen ist, kann besagtes Erfolgserlebnis noch deutlich gesteigert werden. Das Entwickeln von S/W-Film ist recht einfach und gleicht dem Kochen: Hier müssen Mengen (in diesem Fall Chemie) eingehalten werden, da muss man etwas schütteln, dort rühren und jetzt mit geübter Hand abgießen. Das Auge hat das Thermometer im Blick, die Nase riecht den Duft vom Fixierer. Man erlebt hierbei einen Prozess, man schafft Bilder durch die eigene Hand.

Nun endet bei der analogen Fotografie das Fotografieren nicht damit, dass man im Kaufhaus einen Fotoautomaten erworben- und auf das grüne Lämplein gewartet hatte. Stattdessen stellt sie eine gewisse Herausforderung dar. Menschen lieben solche Herausforderungen – jedoch nur, wenn sie anderen im Anschluss davon (also freilich nur vom Meistern jener) berichten können. Aus diesem Grunde übernachten manche Städter ja auch freiwillig im Wald und filmen sich dabei. Oder, freundlicher verglichen: Aus diesem Grunde versuchen sich viele Freunde des Lukullischen am selbst zubereiten solcher Speisen in der eigenen Küche.

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Hochwertige Ergebnisse mit günstiger Technik

War eben noch die Rede von klappernden Dampflokomotiven, so soll kein falsches Bild entstehen: Mit der analogen Fotografie ist man in der Lage, mit relativ wenig Geld auf dem Gebrauchtmarkt sehr hochwertige Technik zu kaufen, mittels welcher ebenso technisch hochwertige Fotografien angefertigt werden können. Ein gewisses Fachwissen muss hierbei jedoch zur Bedienung vorhanden sein.

analoge Kameras

Insbesondere mit solchen Mittelformat-Systemkameras (Bildmitte) mit ihren hochwertigen Objektiven sind sehr hochauflösende Bildergebnisse zu erwarten. Wer noch einen Schritt weiter gehen möchte, wagt den Griff zu einer sogenannten Großformatkamera (rechts im Bild). Solche Technik war früher nur wenigen Menschen vergönnt. Diese Geräte kosten auf dem Gebrauchtmarkt jedoch nunmehr relativ wenig Geld. Selbst manche professionell agierende Fotografen, also die, die gewerblich arbeiten, fotografieren weiterhin zusätzlich analog. Insbesondere im Bereich Architektur- und Industriefotografie ist dies der Fall. Und natürlich sind es Fotokünstler, die nicht selten bevorzugt zur analogen Kamera greifen.

*Mit dem neuen Epson V800 kann man Negative und Dias scannen, welche fast so eine hohe Auflösung besitzen wie ein "Profi-Scanner", bereits mit der Standard-Software. Man muss sich hierfür jedoch auch in gewisse Scann-Techniken belesen (Suchfunktion dieser Seite). Auf Amazon gibt es die Epson-Perfection-Serie zum günstigen Preis.

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Ich selbst fotografiere am liebsten im „großen“ Mittelformat 6×9 und lasse die Digitalisierungen dieser Negative dann bis zu einer Länge von etwas über einen Meter ausdrucken. Auf diese Weise erhalte ich eine Abbildungsqualität, welche ich ansonsten nur mit sehr hochpreisigen Digitalkameras erlangen kann. Es sei in diesem Zusammenhang jedoch nicht verschwiegen, dass das Digitalisieren bei einem Anbieter auch gutes Geld kostet. Daher scanne ich meine Filme selbst ein bzw. habe mir entsprechendes Fachwissen angeeignet bzw. einen guten (jedoch nicht gerade billigen) Filmscanner gekauft. Am günstigsten kann man analog fotografieren, wenn man sich eine der vielen Kleinbild-Spiegelreflexkameras kauft, S/W-Film einlegt, diesen selbst zuhause entwickelt und die Negative in der eigenen kleinen Dunkelkammer auf Fotopapier ausbelichtet. Auch so kommt man, wer es kann, zu hervorragenden Bildergebnissen. Dass so etwas (inklusive das Lesen von entsprechender Literatur) natürlich wiederum sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, sei jedoch auch nicht verschwiegen.

Viele Freunde der analogen Fotografie haben offenbar ihre helle Freude daran, günstig auf Flohmärkten oder per Ebay Kameras, Objektive und Zubehör zu kaufen und diese Technik auszuprobieren bzw. ihr zu einem neuen Leben zu verhelfen. Was man beim Gebrauchtkauf von analogen Kameras beachten sollte, habe ich in diesem Artikel genauer beschrieben: Alte Fototechnik per Ebay kaufen.

Reines Technikinteresse

Nicht selten landen solche Geräte jedoch einfach in Vitrinen und auf Schränken, von denen sie für den Rest ihres Lebens auf ihren Besitzer, dessen Teppich und das Fenster gegenüber blicken dürfen. Diese Fotofreunde interessieren sich häufig nicht für Bilder an sich, nicht für die Fotografie als solche. Ihr Interesse gilt der eigentlichen Technik hinter ehemals hochpreisigen, mechanischen Kameras (z. B. „Leica“ oder „Rolleiflex“). Fototechnik fungiert in diesen Räumen also eher als Sammlerobjekte, die von ihrer eigentlichen Funktion (sofern sie denn noch funktionieren) befreit worden sind. Auch hierfür gibt es einen Markt, welcher vielleicht eine gewisse Statistik (dass immer mehr analog fotografiert wird / dass immer mehr Gebrauchtgeräte gekauft werden) etwas verzerrt.

analoge Fotokamera

Rückseite einer analogen Kamera: Hier → muss → Film → rein.

Nostalgie

Nostalgie hat meiner Meinung nach immer auch etwas mit „Begreifen“ zu tun, mit dem Sehen, wie gewisse Dinge funktionieren – und freilich mit Sehnsucht und Verklärung. Bei den anfangs erwähnten kleinen, schwarzen Kästchen aus Fernost ist dies kaum möglich. Bei z. B. einer sächsischen Kamera jedoch durchaus dann schon, wenn man auf der Autobahn auf Schilder trifft, deren Ortsbezeichnungen man bereits aus Büchern über Fotografie- bzw. Technikgeschichte kennt.
Dass Früher nun alles besser gewesen sein soll, wage ich zu bezweifeln. Doch vor vierzig Jahren waren gewisse soziokulturelle und ökonomische Mechanismen einfach viel klarer nachvollziehbar. Und dies lässt sich freilich auch bei analogen bzw. mechanischen Kameras feststellen. Da spricht man von „Wertarbeit“ und muss sich hierbei auch nicht ob des Anfluges von eigener ungewohnter Romantik wundern, wenn derlei Fototechnik auch heute – nach Jahrzehnten – immer noch funktioniert (Man ist hier also an etwas Wahres gelangt bzw. schlägt sich sozusagen als Renegade wacker damit). Wundern kann man sich dann vielleicht nur darüber, wenn mit alten Kameras auf alten, klapprigen Holzstativen bevorzugt alte Autos, alte Fördertürme, Zeitgenossen in anachronistischer Kleidung und das Interieur verklärender Museumsdörfer abgelichtet werden – zumeist von Männern im fortgeschrittenen Alter.

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Verlangsamung

Die analoge Fotografie scheint auch deswegen bei vielen Fotofreunden Anklang zu finden, dass sie zur „Entschleunigung“ zwinge. Der Begriff „Entschleunigung“ soll in diesem Artikel nicht ohne Anführungszeichen auskommen. Ich würde ihn frei nie benutzen. Und das „Zwingen“ soll hierbei im Konjunktiv stehen, denn ich möchte so etwas nicht behaupten. Tatsächlich muss man auch beim Anfertigen einer ernst gemeinten, will sagen: „durchdachten“ Fotografie mittels einer Digitalkamera als Werkzeug durchaus Ruhe bewahren. Diese haben viele Zeitgenossen offenbar nicht, so dass ihnen ein Kleinbildfilm mit nur 36 Aufnahmen oder gar ein Rollfilm mit nur 12 Aufnahmen Einhalt im Hobby gebieten muss. Nun ist es mit einem rein manuell bedienbaren Fotoapparaten durchaus aufwendiger, also weniger zeitsparender, ein technisch gutes Abbild von z. B. einer Landschaft anzufertigen als mit einem modernen Fotoautomaten, bei welchem man – dank „Bildstabilisator“ und hohen „ISO-Werten“ – das Stativ einfach zu Hause lassen kann. Das ist schon richtig. Doch einen Anreiz sehe ich für mich hierbei nicht. Ja, ich freue mich immer, wenn meine Fotografie mit der schweren Mittelformatkamera endlich im Kasten ist, wenn ich nach langem Warten auf das richtige Licht das Stativ wieder zusammen klappen- und endlich weiter spazieren kann. Nicht selten nehme ich im Übrigen zur sogenannten „Entschleunigung“ einfach nur etwas Proviant mit ins Feld. Das hat den selben Effekt – Nur eben mit dem Beigeschmack, dass einen niemand dafür bewundern wird, erzählt man im Detail davon, ganz ohne Bilder.

Archivierung der Bilder

Ein Pluspunkt für die analoge Fotografie ist der schöne, mechanische Datenträger, den man hierdurch je von seinen Bildern erhält: also die Negative bzw. Dias.

Archivierung in Pergaminhüllen

Analogfotografen heften ihre Negative in Pergaminhüllen bzw. in Aktenordnern ab.

*Der Canon CanoScan 9000F Mark II gehört zu den beliebtesten Negativ- und Diascannern. Zwar erreicht er nicht die hohe Qualität eines Epson Perfection 800, ist jedoch nur ca. 1/3 so teuer! Auf Amazon kann man sich dazu ein Bild von den positiven Kundenbewertungen machen.

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Wer digitale (Bild-) Daten auf Festplatten archiviert, sollte diese regelmäßig spiegeln – also ein Backup auf einem anderen Datenträger anlegen. Dann wäre es ratsam, diese Backup-Festplatte tatsächlich in der Wohnung zu verstecken. Für einen Aktenordner mit Dias oder Negativen interessiert sich kein Einbrecher. Eine gepflegte Backuproutine bzw. eine ständig aktuelle Festplattenspiegelung – so etwas benötigt also eher weniger jemand, der analog auf Film fotografiert. Die originalen RAWs sind bei der analogen Fotografie die Filme, die man nach der Entwicklung in speziellen Hüllen einheftet bzw. in das Bücherregal stellen kann. Fairerweise sei hierbei jedoch erwähnt, dass es nur die S/W-Filme sind, die tatsächlich ewig halten. Farbfilme verblassen mit den Jahrzehnten. Und: Bei einem Brand sind digitale Daten auf einem Internet-Server gut aufgehoben. Einen Wasserschaden werden analoge Filme jedoch gut überstehen.

Überraschung: Chaos, Fehler, Unvorhersehbares

Wer die Bücher zur analogen Fotografie nicht gründlich gelesen hat und wer leichtsinnig alte Fototechnik ohne Überprüfung kauft, der wird sich vielleicht über gewisse Bildfehler wundern, die einem nun blühen können. Und wenn so etwas nicht als Fehler sondern als Feature verkauft wird? Dann wohl unter dem Begriff → Lomography. So, wie man mit hochwertiger analoger Fototechnik entsprechende Fotografien anfertigen kann, reicht bereits eine Streichholzschachtel mit einem Loch darin (eine Lochkamera) für Fotografien voller Bildfehler. Nicht wenige Freunde der Fotografie suchen jedoch genau diesen Effekt: Sie möchten überrascht werden.

eine analoge Mehrfachbelichtung

Eine verwackelte Mehrfachbelichtung: Ganz konservativ gesehen absolut fehlerhaft. Das Foto besteht aus ca. 40 Belichtungen, die übereinander gemacht worden sind. Was dabei heraus kommen wird, wusste man natürlich erst viel später.

Bildüberlappungen, Lichteinfall, Unschärfe an den Rändern, Vignettierung, Farbfehler, Körnung: All solche Dinge kann die analoge Fotografie (das Gegenteil freilich auch).

Foto einer Holga-Kamera

Eine Fotografie mit einer Holga-Kamera: Diese chinesische Plastikkamera (mit Plastikobjektiv) macht Bilder voller Fehler. Doch nicht Wenige suchen genau diesen Look.

Vielleicht kennen Sie entsprechende „Filter“ für diverse Bildbearbeitungsprogramme. Mit einer einfachen Kamera, „schlechtem“ Objektiv und Film mit einem hohen ISO- bzw. ASA-Wert bekommt man ein solches nicht wiederholbare Original. Nicht wenige Fotofreunde suchen diesen Unikatcharakter:

Fotografie als Unikat

Irgendwann am Anfang des letzten Jahrhunderts schrieb der Medienphilosoph Walter Benjamin einen Aufsatz, welcher in jüngster Zeit doch wieder recht populär geworden ist: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit„. Abgekürzt wird der Fotografie hier ihr Unikatcharakter abgesprochen: Eine solche besäße keine Aura. Damals wusste Benjamin jedoch noch nichts von den Milliarden Bildern und von der Möglichkeit des hochwertigen Drucks.
Nun wurde jüngst ein Handabzug (ein sogenannter Silbergelatine-Vintageprint) von einer der vielen Pflanzenstudien Karl Blossfeldts für nicht weniger als 43000 Euro verkauft. Diese Fotografie hätte nicht annähernd solch einen Kaufpreis erlangt, wäre sie mittels einem simplen Drucker über einen Computer auf Papier gebracht worden. Nein, hier handelte es sich um einen Handabzug, um ein Unikat aus der analogen Dunkelkammer.

mehrere Handabzüge

Mehrere „Silbergelatine-Abzüge“ vom S/W-Negativ im eigenen Fotolabor.

Ausrüstung der Dunkelkammer

Was man alles für eine eigene S/W-Dunkelkammer benötigt, erkläre ich hier.

Denn jeder Handabzug weist gegenüber eines gleichen gewisse Unterschiede auf – und besteht ein solcher lediglich aus einem einbelichteten Staubkorn. Tatsächlich ist es bei den Labor-Techniken des „Abwedeln“ und „Nachbelichten“ durch einen Menschen nie möglich, stets die exakt gleichen Ergebnisse zu erlangen. War die Fotochemie beim zweiten Abzug etwas kälter? Dann sieht das Foto bereits leicht anders aus. Auch der Bildausschnitt wird nicht immer exakt gleich sein. Einem Drucker bzw. einem Computerprogramm wird so etwas selten passieren.

Die Episode von der Blossfeldt-Versteigerung erinnert etwas an das Märchen von der Schneekönigen bzw. an den reichen Kommerzienrat, welcher die blühenden Rosen im Winter unbedingt für eine abstrus hohe Geldsumme erwerben möchte – Nicht deswegen, weil er solch einen Gefallen an dieser Flora findet. Sondern weil er einfach nur alles haben möchte, was selten ist. Ich verschenke gerne selbst angefertigte fotografische Handabzüge und finde solche bisweilen auch von anderen Enthusiasten der analogen Fotografie in meinem Briefkasten vor. Doch ich habe auch schon mit Freude ein tüchtiges Taschengeld mit einigen meiner durchnummerierten „Vintage-Prints“ erlangt – eben weil sie keine profanen Drucke darstellen, nicht exakt reproduzierbar sind und dahinter einfach Arbeit steckt. An dieser Stelle erinnere ich mich auch an so manche Fotoausstellung: Zum Beispiel an die von Anders Petersen oder von Sebastião Salgado. Dort wurden einfach schlichte Drucke der (analogen) S/W-Fotografien präsentiert. So etwas mindert natürlich das Vergnügen. Bei derlei Exponaten spürte man dann wahrlich keine benjaminsche Aura im Raum.

eine analoge Kamera von Yashica

Eine mechanische analoge Spiegelreflexkamera aus den 1970er Jahren mit dem typischen, kantigen Design. Legt man einen S/W-Film ein, belichtet diesen und entwickelt jenen im Anschluss selbst daheim, hat man Negative zur Verfügung, welche man im eigenen S/W-Fotolabor auf Fotopapier vergrößern kann.

Geringe Schärfentiefe

Noch etwas Technischem soll hier Raum geboten werden: Der sogenannten Schärfentiefe. Mit einer „normalen“ Digitalkamera ist eine geringe „Tiefenschärfe“ selten realisierbar, wenn das Motiv mehrere Meter entfernt vom Fotografen steht: Alles, auch der Bildhintergrund, ist stets scharf abgebildet. Das Freistellen vom Vordergrund durch den Trick der Unschärfe (des Hintergrundes) ist jedoch nicht selten ein wichtiges Mittel zur Bildgestaltung. Hier hat man seit einigen Jahren mit den digitalen Vollformatkameras ein zuverlässiges Werkzeug zur Hand. Dummerweise ist ein solches sehr teuer. Eine normale analoge Kleinbildkamera besitzt jedoch sozusagen ebenso einen „Vollformatsensor“: Den Film, dessen „Frame“ genau so groß ist wie das digitale Pendant. Folglich gelten hier die selben optischen Gesetze, was das Erreichen der beliebten Hintergrundunschärfe anbelangt. Doch beim Kleinbild hört es in der analogen Fotografie bekanntlich noch lange nicht auf: Insbesondere beim Großformat sind sehr überzeugende Scharf- Unscharf-Effekte realisierbar:

geringe Schärfentiefe

Bei einem Abstand von ca. sieben Metern zu den Bäumen hätte eine „Crop“-Digitalkamera das gesamte Umfeld ebenfalls fast scharf abgebildet. Bei dieser Aufnahme, die mit einer alten 4×5-Inch-Großformatkamera aus den 1930er Jahren angefertigt worden ist, verhält sich dies (bei offener Blende) ganz anders. Deutlich ist bei diesem Foto eine gewisse „Weichheit“ des Bereiches sichtbar, welcher nicht genau im Fokus lag. Einer der vielen Künstler, die eben wegen dieser Weichheit und Unschärfe mit analogen Großformatkameras arbeiten, ist z. B. Sally Mann.

*Im Buch "Handbuch der Analogen Kreativtechniken" geht es um analoge Bildbearbeitung! Sie meinen, der Begriff "Bildbearbeitung" bezieht sich nur auf den Computer? Dieses Buch möchte dem etwas entgegen setzen: Themen wie die Positivbearbeitung via Bleicher und Toner werden ebenso erläutert wie das Anfertigen von eigenen Emulsionen und die sogenannten "Edeldruckverfahren". Auf Amazon kann man einen Blick in dieses Buch werfen.

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Das sieht aber analog aus: Der Look

Vor einiger Zeit fertigte ich eine Art Filmplakat für einen Studentenfilm an. Das Cover sollte sich an alte VHS-Kassetten bzw. deren Artwork orientieren. Alles stimmte soweit, doch irgendetwas fehlte hier. Das Bild sah irgendwie – glatt aus. Also wählte ich einen „Rauschfilter“ in der digitalen Bildbearbeitung und tatsächlich: Plötzlich wirkte das gesamte Bild „stimmiger“, näher, weniger „mathematisch“ zusammen gesetzt. Dass eine analoge Fotografie aus Filmkorn, aus vielen winzigen Partikeln besteht (die man – zumindest bei der S/W-Fotografie – auch noch steuern kann) wird für Sie sicherlich nichts Neues sein. Vermutlich ist es eben dieser analoge Look, das nicht eindeutig „Präzise“, das Nicht-Ausrichten an einem festen (Pixel-) Raster, das „Ungeschliffene“, was viele Fotofreunde die analoge Fotografie wieder näher bringt.
Sicherlich werden Ihnen nun wieder die vielen Gänsefüßchen und das kursive Setzen gewisser Begriffe aufgefallen sein. Jener „analoge Look“ soll hier weiterhin als subjektiv empfundener Zuspruch dargestellt werden. Man kann ihn klar schlecht analysieren.

Warum interessieren Sie sich für die analoge Fotogafie? Schreiben Sie es gerne in den Kommentarbereich dieser Seite.
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Artikeldatum: 22.11.2017 / letzte Änderung: 16. Dezember 2017

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3 Anmerkungen

Hinweis: Auch, wenn in den Texten alles sehr förmlich gehalten ist: Der Autor (Thomas) ist durchaus auch ein Freund des Du und freut sich über Kommentare.