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Fotografieren mit alten orthochromatischen Glasplatten (OrWo Mikro-Platte MO1)

Ein Freund von mir hatte noch alte, überlagerte Glasplatten übrig, welche in die Blechkassetten alter Plattenkameras passen. Ob man damit noch fotografieren kann? Das geht tatsächlich. Entwickelt wurden die Platten dann in der Schale.

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Ich hatte eine Zeit lang mit einer alten Plattenkamera fotografiert. Allerdings nutzte ich hier für die Blechkassetten Planfilmeinlagen, also Adapter für handelsübliche Planfilme. Das hatte auch recht gut funktioniert. Doch eigentlich sind diese Filmkassetten ursprünglich für Glasplatten gedacht und solche gibt es auf dem Gebrauchtmarkt hin und wieder noch zu kaufen:

Glasplatten von Orwo namens Mikroplatte

Wir hatten einige Platten von OrWo – die „Mikro-Platte MO1“. Dies sind orthochromatische, beschichtete Trockenplatten (also kein nasses selbst hergestelltes Verfahren). Hergestellt wurden sie ca. Mitte der 1980er Jahre, denn das auf der Verpackung vermerkte Ablaufdatum beläuft sich auf 1991. Diese Orwo-Mikroplatten wurden seinerzeit sicherlich für die technische Fotografie angefertigt, wo es auf absolute Planlage ankam. So genau weiß ich dies nicht. Im Beipackzettel steht etwas von „Mikrofotografie“.

 

Und so schaut dann eine zivile Fotografie damit aus:

eine Fotografie auf einer Glasplatte

Das ist doch faszinierend: Ich war überrascht, was hier noch für interessante Fotografien heraus kommen. Allerdings haben die Glasplatten einen massiven Grauschleier, was ob des Alters nicht verwunderlich ist. Man sieht das Negativ nur beim Durchschauen durch die Platte, wenn man diese gegen eine stärkere Leuchtquelle hält. Digitalisiert wurde dann mit einem Epson V800, denn der ist groß genug für solche Glasplatten und zwar einfach im Dia-Modus. Hier erhält man dann genau das, was man auch sieht. Später wurde das Negativ in der Bildbearbeitung in ein Positiv umgewandelt und – tüchtig – der Kontrast angepasst. Denn das Negativ der Fotoplatte war sehr dünn und flau. Grundsätzlich wurde der Scann partiell nicht bearbeitet: Die hellen Ränder, die Unschärfen, die leichte Luftperspektive sind alle »natürlich« auf dem Negativ vorhanden. Und derlei Abbildungsfehler machen solche Fotografien ja erst interessant.

 

eine Plattenkamera von Agfa

Abgebildet ist hier die alte Agfa-Plattenkamera, die wir nutzten. Für die Art der Fotografie, welche wir hier betrieben haben, muss es nicht solch ein etwas höher wertiges Modell sein mit vier- oder gar fünflinsigem Objektiv, doppeltem Auszug und Verstellmöglichkeiten (»Shift«) – eine simple Plattenkamera (ca. 35 € via Ebay) reicht hier auch. Denn die Fotografien mit den alten Glasplatten sind ja völlig fehlerhaft. Wichtig ist nur, dass man genügend passende Blechkassetten für die Kamera dazu bekommt und dass hier ein ebenso passendes, intaktes Mattscheiben-Rückteil dabei ist. Die hier verwendeten Orwo-Platten haben ein Maß von 9 x 12 cm. Dies ist auch das Maß der meisten dieser alten Plattenkameras. Es gibt aber auch andere Größen.

 

ein 9x12 Foto mit der Plattenkamera

Noch eine Abbildung mit der 9×12-Plattenkamera. Die Empfindlichkeit Orwo-Glasplatten schätzten wir auf ca. 2 ASA ein. Damit lagen wir auch ziemlich richtig. Zum Vergleich: Das ist um fünf Blenden lichtschwächer als beispielsweise ein Fomapan 100, welchen es ja auch noch heute als 9×12-Planfilm neu zu kaufen gibt. Der Himmel war eigentlich blau mit einige Wolken. Das orthochromatische Filmmaterial bildet Blau aber recht hell ab, wenn man genügend lange belichtet, Gelbtöne (z. B. die Haut) werden dagegen dunkler wiedergegeben.

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Bei diesem Sonnenwetter belichteten wir, ich weiß es noch, bei Blende 11 mit 1/2 Sekunde. Das geht dann natürlich nur vom Stativ aus. Außerdem benötigt man dann einen externen Handbelichtungsmesser oder eine andere Kamera mit internen Belichtungsmesser, wo man das Messergebnis dann auf ISO 3 umrechnet. Bei Sonnenschein kann man auch einfach die Sonne-16-Regel nutzen: Bei Blende 16 wäre die Belichtungszeit dann 1/2 Sekunde (Wir belichteten sicherheitshalber etwas reichlicher).

Zum Kontrastumfang der Glasnegative: Ich bin davon ausgegangen, dass dieser bei solchen „Mikroplatten“ ziemlich gering ist und dass wir Probleme bekommen werden, wo wir doch bei fast praller Sonne fotografierten. Dies hatte aber tatsächlich gut funktioniert – die Lichter sind nicht ausgefressen, während wir auf die Schatten belichtet hatten. Vermutlich wurden die Glasplatten über die Jahrzehnte auch weicher in der Gradation. Ich kenne diesen Effekt von überlagertem Fotopapier.

 

Entwickeln von Glasplatten

Hier sieht man die beiden Glasplatten im Fixierer. Man sieht auf dieser Abbildung auch sehr gut, wie dunkel die Negative sind bzw. wie stark der Grauschleier bei diesem längst abgelaufenen Filmmaterial vorhanden ist. Die Entwicklung der Platten kann in der Dunkelkammer bei Rotlicht stattfinden. Denn es handelt sich ja um orthochromatisches, also um rotblindes Filmmaterial. Das schwache rote Licht verdirbt sie nicht. Ich nutzte zum Entwickeln Einweghandschuhe und ging sehr vorsichtig mit den nassen Platten um: Es gab keinerlei Kratzer. Die Filmschicht muss natürlich nach oben Zeigen, wenn die Glasplatten in den Entwicklerschalen liegen.

Als Entwickler für die Orwo-MO1-Platten nutzten wir A 49 in der (bereits etwas verbrauchten) Stammlösung für 7 Minuten. Man muss die Schale in dieser Zeit stets bewegen und zwar am besten nacheinander von allen Kanten her leicht kippen.

Vielleicht tauchen demnächst wieder einige unbelichtete Glasplatten bei Ebay auf. Es macht Spaß, damit zu fotografieren und es ist etwas anderes als Filme in der Dose zu entwickeln, wenn man die Platten – wie Fotopapier – bei Rotlicht in Schalen entwickelt. Und die Bildergebnisse mit den Fehlern und Ungleichmäßigkeiten sind natürlich ebenfalls ansehnlich.

Derzeit fand ich dieses Angebot: Zebra Trockenplatten. Auch bei diesem Händler kann man solche Glasplatten kaufen. Und: Es gibt (z. B. bei Fotoimpex) auch leere 9×12-Glasplatten, welche man selber mit Fotoemulsion beschichten kann. Diese Emulsion gibt es ebenfalls im Fachhandel. Allerdings muss der Untergrund (das Glas) davor vermutlich noch irgendwie behandelt werden, damit die Emulsion aufgenommen werden kann. Damit habe ich jedoch keine Erfahrung. Die interessanten Abbildungsfehler der lange überlagerten Glasplatten wird man mit frischem Material vermutlich nicht in den damit angefertigten Fotografien wiederfinden können.

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Veröffentlichung: 6.06.2022; geändert: 6.06.2022

der Author dieser SeiteHallo! Hier schreibt Thomas. Ich beschäftige mich seit nunmehr 20 Jahren mit der analogen Fotografie und ich entwickele meine Bilder in der Dunkelkammer oder "mit" dem Computer.

Diese Website hat inzwischen den Umfang eines ganzen Lehrbuchs erreicht: Schauen Sie / schaue Du auch einmal in das Inhaltsverzeichnis hinein:

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Klaus Nagel | am 7. Juni 2022

Guten Abend,

kann es sein dass deine Kamera oder die Kassetten nicht lichtdicht sind? irgend etwas ging hier ordentlich daneben. An den Platten scheint es nicht zu liegen. Der Lichteinfall erscheint zu wiederholbar.

Übrigens: Glasplatten benutzt(e) man gerne wenn man seine Fotos exakt ausmessen wollte. Meist für wissenschaftliche Fotos. Glas verzieht sich im Gegensatz zu Film nicht.

Bei Mikroaufnahmen kann man so exakt Objektgrößen berechnen.

Thomas (Admin)
Hallo Klaus Nagel, das scheint mir beim späteren Betrachten sehr gut Möglich zu sein: Vermutlich wird Licht in die Kassetten gelangt sein. Oder aber die Platten wurden irgendwie über die Jahre beeinflusst. Mit der Kamera bzw. mit den Kassetten hatte ich vorher noch nie gearbeitet. Das war ein Sprung ins kalte Wasser.

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