Nüchterne Farben: Kunstlichtfilm ohne Konversionsfilter belichten
Mir sind einige Kunstlichtfilme (Kodak Portra 100T) zugeflogen und zum Test habe ich einen solchen nun belichtet – bei neutralem Tageslicht, ohne Konversionsfilter. Die Farben wirken etwas nüchtern, kühl. Von einem Blaustich kann jedoch nicht die Rede sein.
Insbesondere Farbfilme sind in den letzten Jahren leider sehr teuer geworden. Da ist man heute nicht mehr wählerisch – zumindest wenn das Material noch völlig in Ordnung ist. Für diesen Beitrag habe ich einen älteren Kodak ›Portra 100‹ belichtet. Moment: Portra? Was soll an diesem Farbnegativfilm denn so kompliziert sein? Dies ist doch ein Klassiker? Nicht ganz: Ich nutze hier die spezielle T-Version:

Dank kühler Lagerung (Kühlschrank bzw. Eisfach) funktionieren solche Filme auch heute noch ohne Abstriche.
Das T steht hier für Tungsten-Film. Es handelt sich also um einen Film, welcher speziell für „warmes“ Licht entwickelt worden ist – z. B. für Glühlampenlicht. Daher auch der Begriff „Tungsten“ x. Übrigens: der (aktuell erhältliche) ›Cinestill 800T‹ ist ebenfalls ein Kunstlichtfilm.
x Englisch für ›Wolfram‹ – das Material aus dem die Glühfäden der klassischen Glühlampen bestehen.
Und was passiert, wenn man so einen Kunstlichtfilm einfach bei (recht neutralem) Tageslicht belichtet? Man erhält einen eher nüchternen Look:

Ein solcher eignet sich sicherlich eher für Architektur, für Aufnahmen von technischen Geräten und dergleichen. Ich möchte ihn demnächst einmal für minimalistische Schnee-Aufnahmen ausprobieren. Für die klassische Porträtfotografie würde ich diesen Farbfilm bei Tageslicht bzw. Blitzlicht nicht nutzen – zumindest nicht ohne Konversionsfilter.
Meine Befürchtung, dass man bei der Verwendung eines solchen Kunstlichtfilmes ohne (gelblichen) Korrekturfilter nun aber durchweg blaustichige Bilder erhält, hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet.
Diese Fotografien wirken halt recht kühl, insbesondere bei bewölktem Himmel. Sie ähneln denen, die ich mit dem AgfaPhoto Color 400 gemacht hatte. Es ist offenbar leider nicht möglich, innerhalb des späteren Ausfilterns am Computer oder in der Dunkelkammer die Farben global wieder etwas ins „Wärmere“ zu verschieben: Man würde dann stets einen einheitlichen Farbstich erhalten. So einfach ist es leider nicht.
Denn es sind ja gerade die gelblichen Farbtöne, die der Kunstlichtfilm etwas unterdrückt – nicht aber die restlichen Farben des Farbspektrums. Und um einen solchen Spezialfilm auch bei eher neutralem Tageslicht oder Blitzlicht nutzen zu können, gibt es Korrekturfilter für das Objektiv der Kamera. Vermutlich könnte man hierzu auch einen schwachen Gelbfilter (eigentlich für die S/W-Fotografie) für Aufnahmen bei weißem Licht verwenden.
Die neuen ADOX Gelatinefilter sind preiswerte Farbfilter zur kreativen Erweiterung ihrer fotografischen Möglichkeiten.
Der Filter Typ 85B konvertiert das Licht so, dass ein Kunstlichtfilm bei Tageslicht verwendet werden kann.Quelle: Produktbeschreibung Fotoimpex-Katalog
Es wäre nun schön gewesen, dies einmal für meinen Beitrag zu demonstrieren. Einen solchen Filter habe ich leider nicht. Doch ich denke, das Prinzip sollte klar sein. Natürlich schluckt so ein Filter etwas Licht, sodass bei dessen Verwendung etwas länger (um ca. eine Blende) belichtet werden muss.

Bei diesem Motiv vom alten Gasherd passt eine gewisse Distanziertheit, Kühle. Alle Aufnahmen hatte ich mit meiner 6×6-Mittelformatkamera aufgenommen. Rot kommt wieder sehr gut. Nur Gelb scheint unterdrückt zu werden.
Vermutlich kann man am Computer eine „selektive Farbkorrektur“ anwenden, welche sich nur auf die (unterdrückten) Gelbtöne bezieht. Aber bei einer solchen Vorgehensweise wäre man wieder an dem Punkt, an dem man sich vielleicht fragt, warum man die Aufnahmen eigentlich analog anfertigt x. Meine Negative hatte ich digital abfotografiert und mit dem Programm ›SmartConvert‹ im Auto-Modus konvertiert. Das klappte hier auf Anhieb recht gut und fast automatisch.
x Ich mache so etwas bei Farbfotografien, weil mir u. a. die Negativsammlung im Ordner lieber ist als flüchtige Digitaldateien.
Kurzum: Die Sache mit dem Kunstlichtfilm ist gar nicht so problematisch, wie ich eigentlich dachte. Bei Sonnenlicht (höherer Gelbanteil) würde man vielleicht gar keinen Nachteil bemerken. Bei neutralem Licht (Blitzlicht, diffuses Tageslicht) ergibt sich ein eher nüchterner, kühler „Look“. Für manche Sujets könnte dies sogar passen. Und natürlich kann man solche Kunstlichtfilme auch mittels Zuhilfenahme eines Konversionsfilter belichten – genau dafür sind sie ja da.
Jedoch sind meinem Wissen nach alle Farbfilme, die man heute frisch erwerben kann, für neutrales Licht bestimmt. Ausnahme: der ›CineStill 800Tungsten‹.






Zitat: „Hallo Frau Müller, ich habe es beim digitalen Filtern im Nachhinein nicht hinbekommen“
Das verstehe ich, der Grund ist Deine erste Umwandlung des Negativs in ein digitales Positiv via automatisch arbeitendes Programm. Mache es zukünftig manuell via Photoshop und die Ergebnisse werden besser wenn Du den Prozess beherrscht. So konnte das auf Ansage nichts werden!
Wenn Du die Umwandlung „neutral“ erledigen würdest, dann hättest Du ein sehr blaues Ergebnis. So aber filterst Du schon in der ersten Ausarbeitung irgendwie; sozusagen im völligen Blindflug. Das kann nicht gutgehen.
Hättest Du den Kunstlichtfilm „neutral“ ausgearbeitet, dann würde es mit den digitalen Farbfiltern klappen. So machst Du Dir das Leben nur unnötig schwer.
Oder noch besser: verwende den Kunstlichtfilm mit den richtigen Filtern. Am besten aber ist, lass ganz die Finger von den Filmen wenn Du bei Tageslicht fotografieren möchtest. Verwende sie bei Halogenlampenlicht und Du wirst mit ihnen zurechtkommen.
Mit „manuellem“ Ausfiltern via Photoshop usw. befasse ich mich nicht mehr. Da kommt bei mir nichts Vernünftiges heraus. Du hattest da ja in der Vergangenheit schon Anschauungsmaterial von mir. Ich bin froh, dass es da heute einige sinnvolle Programme mit „Auto-Pilot“ gibt.
Die Farbfotografie ist ohnehin nicht mehr mein Metier. Aber die Filme sind nun da und andere ziemlich teuer. Das macht sie wieder kostbar. Wenigstens weiß ich jetzt, woran ich da bin.
Hallo Thomas,
Du schreibst: „Es ist leider auch nicht möglich, innerhalb des späteren Ausfilterns am Computer oder in der Dunkelkammer die Farben global wieder etwas ins „Wärmere“ zu verschieben: Man würde dann stets einen einheitlichen Farbstich erhalten. So einfach ist es leider nicht.“
Ich sage einmal ganz frech: So stimmt das nicht. Weiter unten schreibst Du selbst etwas von einem Korrekturfilter. Was macht denn ein solcher Filter? Genau, er färbt global ein. Das ist auch das erklärte Ziel wieso man ein solches Filter einsetzt. Es soll allgemein über alle Farben „korrigieren“. Denke einmal an den umgekehrten Fall. Einen Tageslichtfilm korrigiert man bei Kunstlicht mit einem Blaufilter. Ohne Filter kommt alles viel zu gelb. Mit Filter erscheinen die Farben neutral. Bei Halogenlampen benutzt man z.B. einen Filter 80B. Probiere es einfach einmal mit Diafilm aus.
Übrigens: durch Deine digitale Umwandlung hast Du den blauen Farbstich des Films, bei Verwendung bei Tageslicht, ohne es zu merken herausgefiltert. Nimm einmal einen Kunstlichtdiafilm und belichte ihn bei Tageslicht. Du wirst Dich wundern wie blau die Umwelt jetzt wird.
Fazit: Nutze in PS den Befehl Farbfilter und Du wirst Dich wundern wie schnell alles ein wenig besser wird. Oder noch besser, Du änderst Deine Einstellungen beim Digitalisieren. Oder am allerbesten: verzichte auf Kunstlichtfilm bei Tageslicht. Oder verwende ihn ohne ihn zu korrigieren, damit alles ganz blau wird und helle den Vordergrund mit einem Blitz inkl. Filter auf. Das gibt tolle Effekte ……
Hallo Frau Müller, ich habe es beim digitalen Filtern im Nachhinein nicht hinbekommen: Man kann zwar entgegen filtern. Aber dann schaut das gesamte Bild unlogisch aus. Vermutlich funktioniert dies bei der Aufnahme optisch etwas anders.