KI-Bildgenerierung und die analoge Fotografie demgegenüber

Mit Erstaunen stellte ich wieder fest: Nichts muss so sein, wie es zunächst scheint – Mittlerweile kann künstliche Intelligenz sogar fotorealistische Bilder aus dem Nichts heraus erschaffen. Für die Fotografie als künstlerische, menschliche Ausdrucksform ist dies eine schlechte Nachricht, aber für die analoge vielleicht sogar eine gute?

Ich frage mich hin und wieder: Wie lange wird es meine Seite über die analoge Fotografie wohl noch geben bzw. wie lange besteht hierfür überhaupt noch ein Interesse? Derzeit habe ich täglich sehr viele Besucher und dies freut mich natürlich. Gleichzeitig sehe ich, wie teuer fotografische Filme, Papiere und dergleichen werden. Die alten Kameras werden auch nicht für immer funktionieren. Und von den verbliebenen Produzenten von analogem Fotomaterial hört man auch nicht gerade „Jubelmeldungen“, was deren Absatz anbelangt.

Gleichzeitig sind meine Listen an entsprechenden Händlern oder Filmentwicklungs-Anbietern weiterhin noch relativ gut bestückt. Diese Nische muss offenbar weiterhin rentabel sein, dass sich ein Umsatz auch gewerblich noch lohnt.

Doch nun ist ja die KI – die künstliche Intelligenz – auf den Plan getreten und sie wird wohl in Zukunft die gesamte Fotokultur (und vermutlich auch die Branche) gehörig durcheinander bringen. Ich rede hierbei aber nicht von nützlichen Funktionen wie „Himmel austauschen“, „Objekte entfernen“, „Kolorieren“ oder „Freistellen“. Diese ›generative‹ KI kann tatsächlich fotorealistische Bilder erschaffen – (vermeintlich) aus dem Nichts heraus:

Mann sitzt auf Steg mit Schnee im Winter auf Stuhl und angelt.

Diesen Mann gibt es gar nicht. Er ist eine Erfindung. Dass man Spuren im Schnee hinterlässt, weiß die KI allerdings (noch) nicht. Auch die Sache mit den Schatten wird sie noch lernen.

Die abgebildete Fotografie (vom Steg) ist von mir. Doch den Angler gab es vor Ort nicht. Er wirkt zwar etwas deplatziert, ansonsten aber erschreckend fotorealistisch. Was nun? Wer wird sich als Bildliebhaber noch ernsthaft mit Fotografien beschäftigen, wenn man diesen keinen Glauben mehr schenken kann, wenn diese Bilder in den Verdacht geraten, eine Illusion zu sein? Wenn dies eigentlich gar keine Fotografien x sind?

x Photographie – altgriechisch: Mit Licht zeichnen

Die hier abgebildete Darstellung funktioniert so: Als Betrachter beginnt es in meinem Kopf zu arbeiten – Wie lange sitzt dieser Mann schon dort? Hat er Glück bei seinem Vorhaben oder Pech? Er schweigt also. An was denkt er die ganze Zeit? Friert er? Hat er nichts Besseres zu tun an so einem Wintertag? Man baut also eine gewisse Beziehung auf.

Als Interessierten wurde ich jedoch betrogen: Diesen Protagonisten gibt es nicht x und einen Fotokünstler, welcher mich mit diesem Motiv zum Nachdenken anregen möchte, ebenso wenig. Die Fotografie als Kunstform, als Ausdruck, als Abbild des Tatsächlichen wird somit entwertet. Würde es sich augenscheinlich um eine Malerei handeln, wäre es gleich: Auch hier möchte ich immer von einem Kopf dahinter ausgehen – von einem anderen Menschen, der mir so etwas zeigt, auch wenn die Szene keinen realen Ursprung besitzt. Alles andere wären leere Kaufhausfensterbilder. Zum Thema KI und Fotografie hatte ich mir nebenan auf meinem anderen Fotoblog bereits Gedanken gemacht.

x Vermutlich gibt es meinen Angler irgendwie doch irgendwo: Man kann davon ausgehen, dass sich diese Künstliche Intelligenz für derlei generative Aufgaben einfach an irgendwelchen fremden „Futterdaten“ bedient.

An dieser Stelle interessiert mich eher ein anderes Thema: Inwiefern könnte die analoge Fotografie von einer solchen Entwertung sogar profitieren?
Ein analoger Papierabzug wird mittels Bildzange in eine Entwicklerschale gegeben.

Analoger Fotoabzug der soeben selber entwickelt wurde.

Mit meinem Protagonisten von dem Motiv in der Entwicklerschale stand ich damals tatsächlich über den Dächern der Altstadt und wir schauten an Schornsteinen, quer gespannten Kabeln, Tauben und Satellitenschüsseln vorbei in die Ferne. Diese Poesiex hat sich kein Roboter ausgedacht. Die Szene ist echt. Ich könnte es sogar beweisen:

S/W-Negativ liegt auf einem Smartphone als Leuchttisch zum Betrachten.
Das fotografische Negativ: Es gab hier also tatsächlich eine Kamera und einen dahinter, der sie auslöste. Es gab Licht, es gab Menschen. Dieser Ort existiert.

x Die KI wird hervorragend erklären können, was man unter Poesie versteht. Sie wird eine solche wohl kaum erschaffen können.

Vielleicht wird diese künstliche Intelligenz für die analoge Fotografie unfreiwillig sogar einen gewissen Aufwind bewirken? Weil letztere „authentisch“ ist? Menschengemacht? Vielleicht wird dadurch ihre Marke verstärkt bzw. überhaupt erst bei vielen Menschen bekannt und nachgefragt? Dies wäre wünschenswert – zugegeben: auch im eigenen Interesse.

Mehrere S/W-Fotoabzüge liegen in einer roten Schale. Auf dem oberen Bild ist eine sitzende Person zu erkennen.

Solche Fotografin aus der Dunkelkammer sind kleine Kunstwerke. Und: Dahinter steckt ein Handwerk. Sie sind echt. Früher hielt ich nie viel davon, wenn Präsentationen von solchen Abzügen mit „analog“ beworben wurden x. Heute sehe ich dies etwas anders.

x Als Deko noch eine analoge Kamera dazuzustellen halte ich jedoch immer noch für Kitsch.

eine Postkarte mit Stempel
Manch einer versieht seine Fotoabzüge aus der Dunkelkammer mit so einem Stempel. Darüber kann man schmunzeln. Beim Thema KI kann einem das Lachen aber auch schnell vergehen.

Eigentlich halte ich auch nicht viel davon, wenn so etwas wie die ›Analogfotografie‹ zum „Kulturerbe“ erhoben wird. Ich klopfe mir dabei nicht selber auf die Schulter. Nachdem ich nun aber erlebt habe, wie in Rechenzentren komplexe „Fotografien“ erzeugt werden und dabei suggeriert wird, dies sei menschengemacht und darauf abgebildete „Figuren“ seien ebenfalls Menschen, sehe ich die Sache etwas anders.

eine Cyanotypie (mit einem Portrait) neben Symbolgrafiken zum selber Machen
Besonders einfach kann man „echte“ Lichtbilder übrigens mittels dem Cyanotypie-Verfahren herstellen und erhält dabei immer ›Originale‹.

Vermutlich wird das Thema „falsche Fotografie“ in Zukunft mehr und mehr in den Medien thematisiert. Und vielleicht wird dem Gegenüber die analoge gestellt, bei der grundsätzlich nur mit Licht „gezeichnet“ wird und Computer dabei nicht vorkommen – zumindest wenn man sich auf das klassische Dunkelkammerverfahren beschränkt oder ggf. auf die Sofortbildtechnik.

4 Kommentare

KI-Bildgenerierung und die analoge Fotografie demgegenüber

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Thomas G

Hallo Thomas,

nachfolgend drei Fotografen mit Zitaten aus einer Zeit ohne KI.

Wim Wenders 2015 (analog. Mittelformat) in seinem Ausstellungskatalog 4 REAL & TRUE 2:
„Jedes der Bilder in dieser Ausstellung zeigt etwas, das es gibt….
Da ist nichts zusammengebaut, erfunden, dazugetan.
Sie können Ihren Augen trauen,
so wie Sie vielleicht am Morgen aus dem Fenster gucken und wissen:
Diese Straße, dieser Garten oder diese Hochhäuser,
das ist alles da, das gibt es, so wie mich selbst!…“

Fritz Pölking noch zu analogen Zeiten in Die große Fotoschule Natur 2003:
„Fast alle Pilzaufnahmen, die sich in Diavorträgen, Zeitschriften oder Büchern finden, sind in irgendeiner Weise manipuliert:….“
Digitale Naturfotografie in der Praxis 2006:
„Das Problem mit den vielen gefälschten Naturfotos ist, dass man den echten oft nicht mehr glaubt….“

1928 schrieb Albert Renger-Patzsch:
…“Die starre Anlehnung der „Lichtbildkünstler“ an malerische Vorbilder ist von jeher der Verderb für die photographische Leistung gewesen. …
Die Natur ist ja gar nicht so armselig, daß sie dauernder Verbesserung bedürfte. Man kann noch immer innerhalb des Rechteckes aus glänzendem Bromsilberpapier mit photographischen Mitteln neue Raum- und Flächenwirkungen erzielen, und viele Dinge warten noch auf den, der ihre Schönheit erkennt. Die abgebildeten unretuschierten Photos sind Versuche in dieser Richtung.“

Kürzlich habe ich mir Fotografien von Joachim Brohm aus den 80`er Jahren angesehen mit all den bunten Autos auf den Parkplätzen. Hellblau, gelb, orange, grün, heute sind sie weiß, grau und schwarz. Zudem erstrahlen Hausfassaden in Neubaugebieten überwiegend in weiß mit anthrazitfarbenen Dachziegeln, schwarzen Fensterrahmen und verzinkten Industriezäunen.
Vergleiche früher/früher oder früher/heute, Erinnerungen, Veränderungen oder Spurensuche in alten Aufnahmen, die tatsächlich sehr spannend sein kann, so wie z.B. in einem anderen Artikel von Dir beschrieben – all das wird mit KI erzeugten Bildern eher nicht mehr möglich sein. Trotzdem werden neue kreative Bilder entstehen, so wie uns auch lichtempfindlicheres Filmmaterial, der Autofocus oder besonders die Digitalfotografie eine ganz neue Dimension an Möglichkeiten hervorgebracht hat.
In einer neueren Youtube-Folge von W.Verbeeck kann man Paloma Dooley mit einer alten Großformatkamera und schwerem Stativ hantieren sehen. Sie schafft damit nur zwei 20×25 Farbnegative (a 50$ ) im Monat. Ihre Herangehensweise zeigt genau den gegenteiligen Weg.

Thomas (Autor des Beitrages)
Antwort auf

Hallo Thomas, vielen Dank für den interessanten Kommentar!

Arno Zanetti

Ich fotografiere sowohl digital (Leica und Sony nur mit Festbrennweiten) als auch analog (Linhof Technika 4X5).
Beides macht Spass, aber analog ist eine Kunst und zwingt einem, sich mit der wunderschönen Technik der rein mechanischen Kamera, der Bestimmung der Belichtungszeit, der analogen Fototgrafie sowie der Kunst der Dunkelkammer auseinanderzusetzen.

Stephan

Wenn auch die Kunst automatisiert ist, dann ist auch sie keine notwendige Arbeit mehr. Die mühselige Arbeit des Fotografierens – Technik beherrschen, Chemie oder Sensorik verstehen, Dunkelkammer oder Photoshop. – wäre keine Last mehr. Man drückt einen Knopf, und das Bild ist da.

So ein Bild kann wunderschön sein, aber das freie Schaffen, das Gestalten, das Durchdenken und Setzen der Form – das bleibt, wenn man es will. Es wird eben freiwillig, nicht mehr Zwang, um Kunst überhaupt zu produzieren.

Wer den ganzen fotografischen Arbeitsprozeß trotzdem auf sich nimmt – also analog fotografiert, entwickelt, abzieht – tut das dann als freie Arbeit, nicht als Zwang. Die einen wollen bloß die Resultate (schöne Bilder). Das ist Konsum. Die anderen wollen den ganzen Prozeß ganz freiwillig, weil er ihnen Spaß macht, weil er inspiriert oder sonst was. Da steht dann ein Bild am Ende als Ausdruck des durchlaufenden Weges. Deswegen glaube ich, daß es immer Möglichkeiten geben wird, um analoge Fotografie zu betreiben.

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