Vom schönen Gefühl, eine analoge Kamera selbst repariert zu haben
Sicherlich: Kleine Korrekturen mit dem Schraubendreher hatte ich an meinen alten analogen Kameras immer mal vorgenommen. Tiefergehend hatte ich mich hier aber nie vorgewagt – bis jetzt. Nun läuft wieder alles geschmeidig und man hat plötzlich eine ganz andere Beziehung zu diesem kleinen Kasten.

... beim Entfernen des alten, verharzten Schmierfettes
Für ein bestimmtes Fotoprojekt benötige ich neuerdings eine TLR-Kamera mit eher simplem (dreilinsigem) Objektiv. Es ist dann eine ›Welta Reflekta II‹ geworden. Sie hatte mich lediglich um die 60 Euro gekostet. Der Verschluss läuft glücklicherweise bei allen Zeiten. Jedoch: Die Fokussierung war enorm schwergängig und die Mattscheibe brachte nur ein sehr dunkles und milchiges Bild mit Gelbstich zutage.
Derlei Symptome sind typisch für diese über 70 Jahre alte Kamera und sicherlich nicht nur bei diesem Kandidaten. Eine sogenannte CLA (clean, lubricate, adjust – reinigen, schmieren, justieren) ist bei vielen dieser Geräte wohl unumgänglich, sollen sie wieder mehr können, als lediglich hübsch in einer Vitrine zu stehen.

Meine Reflekta II funktioniert in meinen Händen nun wieder so wie in denen des glücklichen Erstbesitzers in den 1950er Jahren. Dafür musste ich allerdings etwas über meinen Schatten springen und etwas weniger als die halbe Kamera auseinander nehmen. Die Reflekta eignet sich für eine CLA jedoch für Anfänger wie mich sehr gut: Nichts springt einem beim Öffnen entgegen, das Gerät ist sehr simpel aufgebaut und in der Funktion schnell durchschaubar. Nur die Schrauben sind ziemlich fiepsig und aus weichem Material. Hier muss man aufpassen, dass sie nicht verloren gehen bzw. man sollte passende Schraubendreher besitzen (jedoch kein Spezialwerkzeug).
Zunächst recherchierte ich erst einmal via Internet: Für diese Kamera gibt es bereits einige Reparaturanleitungen – wie die vom Kollegen von Kleinbildphotographie.de oder diese ausführlichere (englisch).
Das größte Problem war das verharzte Fett der Fokussierschnecke: Ich musste die innenliegende Frontplatte ausbauen, klebte zum Schutz dann – ähnlich wie im Operationssaal – alles mit Kreppklebeband ab, was ich dort nicht extra demontieren wollte, schraubte alle Elemente der Schnecke auseinander und begann mit der Arbeit: Mittels Zahnstocher bzw. angespitztem Schaschlikspieß ging ich behutsam durch die Rillen der Schnecke (dem s. g. ›Helikoid‹). Das alte Fett bröselte in Form von grünen Krümeln ab.
Als nächstes nutzte ich einen gekürzten (steifen) Pinsel wie eine Mini-Bürste mit wenig Waschbenzin (entfettendes Reinigungsmittel) und säuberte die Windungen damit in mehreren Durchgängen. Das alte Fett (bzw. dessen Rückstände) waren nach einiger Zeit entfernt. Diese Arbeit hatte mir tatsächlich Spaß gemacht – Es hat etwas Meditatives und man sieht gleich, dass sich hier etwas tut x.
x Außerdem mag ich diesen Benzingeruch ^^
Nun fettete ich die Windungen mit neuem Fett, indem ich nur ganz wenig von dem Fett auf einen Zahnstocher gab und die Windungen damit einrieb. Es sollte tatsächlich nur wenig sein. Überschüssiges Fett wird aber eh beim Zusammenbau bzw. beim Bewegen der Elemente hinausgepresst und muss dann abgewischt werden. Apropos Zusammenbau: Hier muss man dann exakt die richtigen Windungen treffen: Ansonsten kann später nicht auf Unendlich fokussiert werden. Bei der Reflekta II ist dies allerdings alles recht logisch bzw. man trifft es nach einige Versuchen.
Das Fokussieren gelingt bei meiner Kamera nun wieder butterweich. Aber sie hatte noch ein anderes Problem: Der Spiegel war völlig beschlagen. Aus der Internetrecherche wusste ich schon, dass ein mechanisches Säubern hier nicht dienlich sein wird: Bereits beim Halten unter den Wasserhahn löste sich die Spiegelschicht ab. Dummerweise musste ich mir nun einen neuen Spiegel besorgen.
Der kleine Kunststoffspiegel aus der Kulturtasche lässt sich zwar ohne speziellem Werkzeug passend zurecht schneiden und spiegelt auf den ersten Blick auch ordentlich und scharf. Nach dem Einbau merkte ich jedoch schnell, dass ein exaktes Scharfstellen via Lupe hiermit nicht möglich war. So einfach ging es hier leider nicht. Glücklicherweise habe ich noch einen alten Ersatzteilspender (eine Kiev 60): Deren Spiegel besitzt die nötige Güte und er ließ sich gut in meine alte Reflekta einsetzen.
Auch die verbaute Mattscheibe war völlig beschlagen. Aber hier hatte ich bereits Erfahrung: Man legt eine solche einfach in lauwarmes Seifenwasser, reinigt sie behutsam und stellt sie dann zum Trocknen aufrecht hin.

Am Ende setzte ich alles wieder zusammen und kontrollierte, ob die Schärfe auf der Suchermattscheibe tatsächlich mit dem Fokuspunkt auf der Filmebene übereinstimmt. Hierzu fixierte ich eine andere Mattscheibe x mit der matten Seite in Richtung Objektiv direkt auf der Filmebene, öffnete den Verschluss (B-Stellung) und kontrollierte dies bei offener Blende mit einer Lupe. Hätte es hier eine Differenz gegeben, hätte ich die Suchermattscheibe umdrehen müssen, oder ich hätte deren Höhe oder die des Spiegels justieren müssen – Etwa durch Unterlegen von dünner Pappe.
x Kurioserweise war die Basis des Original-Spiegels der Reflekta II (dessen Oberfläche ja verloren ging) ein Mattscheibenglas und ich hatte somit bereits eine Prüf-Mattscheibe.
Bevor ich den ersten Testfilm in der Kamera belichtet hatte, spielte ich noch dutzende Male am nun geschmeidig laufenden Fokussierhebelchen herum, freute mich und schaute mir das nun (relativ) klare Bild auf der Mattscheibe an: Das hatte ich gemacht – mit den eigenen Händen. Zuvor war die Kamera – mehr oder weniger – Schrott bzw. taugte nur als hübsche Dekoration. Man erhält hier mit relativ wenig Aufwand ein kleines Erfolgserlebnis und die alte Blechbüchse Reflekta erstrahlt plötzlich in einem ganz neuen Licht – zumindest für mich. Als Fotograf hat man somit eine etwas besondere Beziehung zu seinem Werkzeug. Nun möchte aber erst einmal der Testfilm entwickelt werden und dann sehen wir weiter.
Siehe auch:
- Lichtdichtungen selber austauschen
- Kamera innen selbst mattieren
- Belichtungszeiten prüfen mittels Smartphone oder Computer
An eine z. B. japanische Kleinbildspiegelreflexkamera traue ich mich allerdings nicht heran. Dies wäre dann schon ein anderes Kaliber. So eine Reparatur wäre dann wohl eher etwas für Fachwerkstätten.

Vielen Dank für diesen motivierenden Beitrag, denn das Erfolgserlebnis nach einer geglückten Eigenreparatur an einer alten Kamera ist wirklich unbeschreiblich. Du beschreibst sehr treffend, dass man gerade bei den mechanischen „Blechbüchsen“ wie der Reflekta oft schon mit einfachen Mitteln viel bewirken kann, bevor man sie als reine Dekoration abschreibt.