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Braucht der Amateur eine Großformatkamera?


Fortgeschrittene Nutzer in der analogen Fotografie greifen manchmal zu einem Kameratyp, welcher früher – ob der hohen Preise – nicht selten nur den professionellen Fotografen vorbehalten war: die Großformatkamera. Heute sind diese Apparate auf dem Gebrauchtmarkt recht günstig zu erwerben und es stellt sich die Frage, ob der Amateur, also der Liebhaber, aus solch einem Gerät einen Nutzen ziehen kann.

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Wenn man über Jahre die Internetforen studiert, in denen es um (analoge) Fotografie geht, wird man mitunter auf Enthusiasten stoßen, welche ihre Bilder mit einer sogenannten „Großformatkamera“ anfertigen. Diese analogen Fotoapparate waren seinerzeit hauptsächlich für Profis gedacht (also für Leute, die damit Geld verdienen mussten) und meist relativ teuer. Heute ist dies anders: Gebrauchte Kameras dieser Gattung kann man sich für einen Bruchteil des ehemaligen Preises kaufen.

Porträt mit einer analogen Großformatkamera

Braucht man eigentlich eine analoge Großformatkamera?

Eine solche Kamera stellt an sich einen eher simpel aufgebauten Fotoapparat dar, welcher zudem äußerst gut als didaktisches Vorführobjekt herhalten kann: Ein Objektiv bündelt Licht, ein Verschluss lässt dieses für einen bestimmten Zeitpunkt in die Kamera hinein, ein Balgen hält Fremdlicht fern und auf einer Mattscheibe erscheint plötzlich ein (spiegelverkehrtes und auf dem Kopf stehendes) Bild. Fertig. Mehr benötigt man für eine Kamera nicht. Für die eigentliche Aufnahme wird dann vor die Mattscheibe eine Filmkassette geschoben und das Bild (dessen Projektion) schreibt sich dann auf den lichtempfindlichen Film.
ein Mann fotografiert mit einer Großformatkamera

„Knipsen“ im Großformat: Der Fotograf steht auf der Kamerakiste, über dem Kopf hat er ein dunkles Tuch, damit kein Umgebungslicht die Sicht auf die große Mattscheibe darunter trübt.

Diese simple und auch für technisch eher Unbedarfte verständliche Vorgehensweise wird sicherlich für viele Freunde der analogen Fotografie einen ganz besonderen Reiz ausüben! Der gesamte Aufnahmeprozess ist nachvollziehbar.

Blick durch eine Mattscheibe

Blick auf eine Mattscheibe einer 4×5-Inch-Großformatkamera. Für diese Sicht bedarf es keinerlei Elektronik. Das Bild erscheint durch simple optische Physik.

Nun gibt es offenbar zweierlei Sorten von Fotoamateuren: Die einen wollen schöne, d. h. auch technisch gut gemachte Bilder. Die anderen legen viel Wert auf den Weg dahin. Dieser muss nicht kurz sein, er sollte vielmehr etwas zu bieten haben. Und das Fotografieren mit einer Großformatkamera hat durchaus etwas zu bieten: Hier kann man den Apparat schlecht aus der Hüfte heraus zücken, kurz anvisieren und dann abdrücken. Nicht selten benötigt man damit für eine einzige Aufnahme eine halbe Stunde Zeit: Nachdem erst einmal

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ist das Bild (ein einziges) endlich im Kasten.

An stillen Sommerabenden, wenn ich mit solch einer Großformatkamera in der Landschaft stehe, habe ich nicht selten ein Stullenpaket und eine Flasche Bier dabei, während ich meine Landschaftsfotografien mit dieser doch recht rudimentären Technik anfertige. Großformatfotografie hat für den Amateur also viel mit Erleben zu tun – bereits während des Fotografierens und nicht erst beim Betrachten der Fotos selbst.

Fotografieren im Großformat

Ein Freund von mir bei der Landschaftsfotografie mit einer Großformatkamera: Belichtungszeiten von mehreren Sekunden sind hierbei keine Seltenheit. Belohnt wird man später mit einer sehr hohen Auflösung, welche sich jedoch erst bei großen Prints zeigt.

Wer jedoch genau solch ein schönes Erlebnis (die in den anfangs erwähnten Internetforen viel besungene „Entschleunigung“) haben möchte, ja der braucht doch gar keinen Film einlegen, mögen manche vielleicht sagen. Eigentlich braucht man dann überhaupt nicht fotografieren, sondern man kann sich einfach mit dem Butterbrot und dem Bier auf eine Bank niederlassen und eine halbe Stunde lang die Natur genießen, bevor man weiter zieht. Dummerweise ist man dabei jedoch wenig schöpferisch und niemand wird einen später dafür bewundern, dass man auf einer Parkbank entschleunigt hat.

eine Kleinbildkamera mit Shift-Objektiv

Man kann durchaus auch mit einer Kleinbild- und natürlich auch mit einer Digitalkamera mit Bedacht Fotografien anfertigen. Legt man viel Wert auf Qualität und auf reproduzierbare Ergebnisse, muss man sich freilich auch bei der digitalen Aufnahme Zeit nehmen und manuell arbeiten (dass dem nicht so ist, kann ich aus der Praxis nicht bestätigen). Die obige Abbildung zeigt eine analoge Kleinbild-Spiegelreflexkamera mit einem sogenannten Shift-Objektiv, welches zum Verhindern „stürzender Linien“ (Verzerrungen) dient. Jene Funktionalität kennzeichnet viele Großformatkameras – Man kann das Verstellen des Bildkreises jedoch auch mit solch besonderen Objektiven erreichen und zwar auch an einer etwas praktischer zu handhabenden Kamera.

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Zudem ist Planfilm für die Großformatkamera teuer und entwickelt werden muss dieser ja auch noch (im eigenen Labor oder durch spezielle Anbieter).

eine Großformat-Vergrößerung

Eine Großformatvergrößerung vom 4×5-Inch-Negativ aus dem Fotolabor hängt zum Trocknen aus. Durch die hohe Abbildungsqualität einer Großformatkamera ist beim Herantreten an die Fotografie jede Hautpore sichtbar. Doch ist diese hohe Auflösung für ein Porträt relevant?

Wer jedoch tatsächlich eine äußerst hohe Abbildungsqualität (d. h. eine sehr hohe Auflösung) anstrebt, ist mit einer Großformatkamera bestens beraten. Die Frage stellt sich natürlich: Benötigt dies der Fotoamateur überhaupt, welcher seine Bilder vielleicht nur im Internet oder in Fotobüchern präsentieren möchte? Reicht hier nicht vielleicht bereits eine Mittelformatkamera für sehr detailreiche größere Drucke oder Vergrößerungen?

Viele Fotokünstler, die ihre Arbeiten großformatig in Galerien präsentieren, sind auf solch eine hohe Auflösung angewiesen. Insbesondere bei Ausstellungen innerhalb eines gewissen Kunstmarkts zählt Masse, Größe, ein imposantes Erscheinen der Exponate. Und hier hat man mit der Großformatkamera bzw. mit deren großflächigem Planfilmnegativ ein Werkzeug in der Hand, mittels welchem man eben Fotografien mit einer Auflösung anfertigen kann, welche mit modernen, bezahlbaren Digitalkameras nicht realisierbar sind.

*Cartier-Bresson war einer der ersten, der mit einer Kleinbildkamera künstlerisch fotografierte, wo andere vehement auf das Großformat setzten. Dieser kleine und günstige Bildband zeigt einen Teil von Henri Cartier-Bressons Arbeiten, von denen viele weltberühmt wurden. Auf Amazon zum günstigen Preis.

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eine Großformatkamera von Cambo

eine klassische Großformatkamera von Cambo nach dem Prinzip „optische Bank“

Früher nutze man diese Kameratypen auch in den Werbestudios bzw. bei Produktfotografien: Bereits die 4×5 Inch Planfilme sind ausreichend groß, um sie – als Dia – auf einen Leuchttisch zu legen und somit hervorragend in den „Meetings“ mit den Kunden auswählen- bzw. besprechen zu können. Dies war alles noch vor den Zeiten von Internet und „Beamern“. Gerade jedoch das Leuchten eines Planfilmdias auf dem Leuchttisch ist durchaus etwas, was manche Fotoamateure schätzen und sagen: »Deswegen fotografiere ich im Großformat.«

ein Planfilm

Meist wird sogenannter „Planfilm“ belichtet. Diesen gibt es in verschiedenen Größen (für verschiedene Kameragrößen). Das gebräuchlichste Format ist 4×5 Inch.

Auch die gerne angesprochene „Verstellbarkeit“ einer Großformatkamera ist offenbar (wenn man die Meinungen in den Internetforen studiert) ein wichtiger Grund für das Nutzen einer solchen. Hierbei muss man sich jedoch fragen, wozu dies dienlich sein soll: Dass man die Frontstandarte nach oben verschieben kann („Shift“), damit die Kirchturmspitze auch bei absolut senkrechter Ausrichtung (keine Verzerrung) noch aufs Bild kommt, leuchtet ein. Wozu man „Tilt“ oder „Swing“ benötigt, ist mir eher ein Rätsel.

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Diese Funktionen benötigt man in der Produktfotografie, damit man auch bei großen Abbildungsmaßstäben z. B. ein Schachbrett durchgehend scharf abbilden kann oder einen ganz bestimmten Teil eben nicht. Für die Praxis, für das Sujet des Amateurs sollten diese Funktionen doch eher kaum eine Rolle spielen – vielleicht nur um einen Effekt, den (ausgelutschten) Miniatureffekt (Tilt-Shift-Effekt), zu erzeugen.

eine Planfilmkassette

Eine Planfilmkassette. In ihr finden zwei Planfilme Platz.

Was die Produktions- und Werbestudios anbelangt: Diese werden schwierige (Makro-) Aufnahmen heute viel einfacher mit dem sogenannten „Focus-Stacking“ realisieren können – Man benötigt kein Tilt und Swing mehr bzw. entsprechende Kameras, deren Objektiv bzw. Rückteil sich verstellen lassen können. Man fertigt einfach mehrere Aufnahmen mit leicht versetztem Fokus an und übergibt diese an eine Software, die diese einfach in eine Grafikdatei umrechnet, bei der tatsächlich alles von vorne bis hinten scharf abgebildet wird. Das funktioniert jedoch nur bei sich nicht bewegenden Objekten.

Eine andere Eigenschaft dieses Kameratyps hingegen ist doch viel interessanter: Durch den äußerst simplen Aufbau (Linse-Verschluss-Balgen-Mattscheibe / Planfilmkassette) ist es sehr einfach möglich, mit „alternativen“ Linsen zu experimentieren! Insbesondere, wenn man einen sogenannten „Hinterlinsenverschluss“ besitzt, kann man mit etwas Bastelei jegliche Art von Objektiv davor anbringen – sei es ein Monokel, eine Plastiklinse, ein Kleinbildobjektiv, … So eine Großformatkamera lässt sich auch ganz einfach zur Lochkamera umfunktionieren. Gerade dieses Experimentieren ist das Metier des Fotoamateurs (weil er dazu Zeit hat und sich Fehlschläge durchaus leisten kann). Es müssen nicht unbedingt die hochwertigen Großformatobjektive von Schneider oder Rodenstock sein: Insbesondere mit einfachen Linsen erreicht man einen gewissen pictorialistischen Stil oder zumindest einen Weichzeichner-Effekt.
Weiterhin muss man auch nicht unbedingt mit herkömmlichen Planfilm fotografieren: Man kann durchaus auch seine Platten selbst gießen. Insbesondere das sogenannte „Kollodium-Nassplatten-Verfahren“ wurde hierbei in den letzten Jahren immer beliebter.

*Das Kollodium: Handbuch der modernen Nassplattenfotografie Dieses Fachbuch ist eines der wenigen deutschsprachigen, welches sich der "Kollodium-Nassplatten-Fotografie" widmet (Fotos wie im 19. Jhd.) und zwar mit vielen Formeln, Rezepten und Bildbeispielen. Auf Amazon kann man einen Blick in dieses Fachbuch werfen.

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eine Kollodium Nassplatte

Eine selbst beschichtete Glasplatte trocknet nach dem Entwickeln. Großformatkameras eignen sich durch den simplen und funktionalen Aufbau sehr gut für derlei alternative Prozesse und zum Experimentieren.

Prinzipiell kann man statt der regulären Planfilmkassette jegliche Art von Aufnahmemedium (mit etwas Bastelei) adaptieren – von der selbstbeschichteten Platte bis hin zur Videokamera oder Digitalkamera.

eine Polaroidkassette

Mit solch einer Polaroid-Kassette lässt sich die Großformatkamera ganz einfach zur Sofortbildkamera umbauen.

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Es wird wohl eher technisches Interesse und eine gewisse Begeisterung am Machbaren sein, was viele Fotografen heute zum Kauf und Gebrauch einer Großformatkamera verleitet. Viele entsprechende Fotografien (die man so im Internet sieht) hätten genau so gut mit einer Mittelformat- oder gar Kleinbildkamera gemacht sein können – mit weit weniger Aufwand. Aber wer Spaß daran hat, soll ihn freilich nicht aufgeben. Richtig interessant wird das Großformat, wenn man wirklich eine überdurchschnittlich hohe Auflösung anstrebt oder wenn man mit alternativen Objektiven oder gar selbst hergestelltem Filmmaterial fotografieren möchte. Weiterhin sei erwähnt, dass das Fotografieren auf Planfilm die Freiheit mit sich bringt, den Film (die Filmblätter) unmittelbar nach der Aufnahme zu entwickeln: Man muss also nicht warten, bis ein ganzer Film (eine Rolle) voll ist. Dies setzt jedoch ein eigenes kleines Fotolabor voraus, denn:

Natürlich spielt für den Fotoamateur nicht selten der Preis eine Rolle: Ein Marken-S/W-Planfilmnegativ im Format 4×5 Inch kostet derzeit ca. 1,85 €. Dann muss dieses auch noch entwickelt werden und wer das nicht selbst machen kann, der muss seine Filme (lichtdicht, oft in den Kassetten) zu spezielle Labore schicken. Im Drogeriemarkt kann man keine Planfilme zum Entwickeln abgeben. Vom Digitalisieren wollen wir erst gar nicht reden. Das alles geht ins Geld. Daher arbeiten viele Freunde der analogen Fotografie gerne auch mit einem Rollfilmrückteil im Format 6×9 an ihrer Großformatkamera. Mit dem „großen“ Mittelformat erhält man dann einen guten Kompromiss zwischen Auflösung und Kosten.

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Artikeldatum: 7.06.2017 / letzte Änderung: 16. Juli 2017

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eine Anmerkung bisher

Hinweis: Auch, wenn in den Texten alles sehr förmlich gehalten ist: Der Autor (Thomas) ist durchaus auch ein Freund des Du und freut sich über Kommentare.